Als Redakteurin und Aktivistin für soziale Gerechtigkeit beschäftige ich mich seit Jahren mit der Frage, wie wir die Gesundheitsversorgung vor Ort stärken können. Die ambulante Versorgung steht unter Druck: Hausärzt·innen fehlen, Wartezeiten verlängern sich, ländliche Regionen sind besonders betroffen. Deshalb möchte ich hier einen konkreten Umsetzungsentwurf für ein regionales Gesundheitsfondsmodell vorstellen — praxisnah, solidarisch und politisch durchsetzbar.

Was ist ein regionaler Gesundheitsfonds und warum brauchen wir ihn?

Ein regionaler Gesundheitsfonds ist ein zentraler Topf, in den verschiedene Akteur·innen (z. B. Krankenkassen, Kommunen, Länder, Stiftungen, Arbeitgeber·innen) einzahlen. Aus diesem Fonds werden gezielt ambulante Leistungen, Innovationsprojekte und Versorgungsstrukturen finanziert, die die lokale Versorgung verbessern. Ich sehe darin eine Chance, kurzfristige Engpässe zu überbrücken und langfristig Versorgungsnetze aufzubauen, die nicht allein dem Marktlogik-Prinzip folgen.

Das Problem heute: Finanzierung und Steuerung sind zersplittert. Krankenkassen richten sich an bundesweiten Verträgen aus, Kommunen tragen Verantwortung für soziale Infrastruktur, aber koordinierte Mittel für regionale Bedürfnisse fehlen oft. Ein Fonds ermöglicht bedarfsorientierte, flexible Mittelvergabe.

Grundprinzipien des Modells

  • Regionalität: Entscheidungen werden auf Ebene von Landkreisen oder Verbünden von Kommunen getroffen, nicht zentral in Berlin.
  • Solidarität: Finanzierung über Zusammenspiel von Beiträgen der Krankenkassen, kommunalen Mitteln und öffentlichen Zuschüssen.
  • Partizipation: Patient·innen-, Mitarbeiter·innen- und Gewerkschaftsvertreter·innen sitzen in den Gremien.
  • Transparenz: Ausgaben und Wirkung müssen öffentlich und nachvollziehbar sein.
  • Langfristigkeit: Mehrjährige Finanzierungszusagen für nachhaltige Projekte statt Einmalzuschüsse.

Wie könnte die Governance aussehen?

Ich schlage ein mehrstufiges Gremium vor:

  • Lenkungskreis: Vertreter·innen von Krankenkassen, Landkreis/Kommunen, Landesgesundheitsministerium und einer unabhängigen Wissenschaftsinstanz. Dieser Kreis legt Strategie und Budgetrahmen fest.
  • Regionale Versorgungsräte: Lokal verankerte Gremien mit Patient·innenvertreter·innen, Haus- und Fachärzt·innen, Pflegekräften, Vertreter·innen von psychosozialen Diensten und Arbeitnehmer·innenvertretungen. Sie entscheiden über Projekte und Priorisierungen.
  • Evaluationseinheit: Externe Evaluation und Monitoring zur regelmäßigen Wirkungsmessung (Zugang, Wartezeiten, Patientenzufriedenheit, Kostenentwicklung).

Finanzierung: Woher kommt das Geld?

Die Finanzierung sollte divers sein, um Unabhängigkeit und Stabilität zu garantieren. Möglicher Aufbau:

QuelleBeitrag
Krankenkassen60 % (zielgerichtete Zusatzzahlungen für ambulante Versorgung)
Kommunen / Landkreise15 % (für Infrastruktur, Räume, Mobilitätsangebote)
Land / Bundesmittel15 % (match-funding, Innovationsförderung)
Stiftungen / Sozialpartner5 % (Pilotprojekte, Studien)
Eigenmittel / Eigenbeteiligungen der Leistungserbringer5 % (z. B. in Form von Ko-Finanzierung)

Dieses Beispiel ist flexibel — in Regionen mit besonders hoher Versorgungslücke sollten öffentliche Mittel stärker gewichtet werden. Wichtig ist, dass Zahlungen an klare Ziele gebunden werden (z. B. Hausarztquote, integrierte Versorgung, Telemedizin).

Welche Maßnahmen könnten finanziert werden?

Der Fonds sollte ein breites Spektrum abdecken, konkret:

  • Stellenförderung: Zuschüsse für zusätzliche Praxiszeiten, Anstellungen von Praxisassistent·innen, angestellte Hausärzt·innen, vor allem in strukturschwachen Gebieten.
  • Kooperationsmodelle: Finanzierung multiprofessioneller Versorgungszentren (Ärzt·innen, Pflege, Sozialarbeit, Psychologie).
  • Telemedizin-Infrastruktur: Aufbau sicherer Video- und Telemonitoring-Angebote, besonders für chronisch Kranke und ländliche Regionen.
  • Transport- und Mobilitätsangebote: Patient·innenbeförderung, mobile Gesundheitskliniken.
  • Prävention und Gesundheitsförderung: Niedrigschwellige Angebote für ältere Menschen, Arbeitslose und sozial Benachteiligte.
  • Weiterbildung & Attraktivitätssteigerung: Anreize für Ärzt·innen in Weiterbildung, verbesserte Arbeitsbedingungen, Kinderbetreuung für Mediziner·innen.

Konkretes Pilotprojekt: Landkreis als Modellregion

Ich stelle mir vor, einen Landkreis als Pilotregion zu wählen — etwa eine Fläche mit urbanen Zentren und peripheren Dörfern. Ziele in den ersten 24 Monaten:

  • Reduktion der Wartezeit auf Hausarzttermine um 30 %.
  • Einrichtung von drei multiprofessionellen Gesundheitszentren.
  • Telemedizinische Versorgung für mindestens 50 % der chronisch Kranken in ländlichen Gemeinden.
  • 10 neue angestellte Hausärzt·innen durch Anreizpakete (Wohnzuschuss, Kinderbetreuung, garantierte Arbeitszeitmodelle).

Finanzbedarf (Beispiel):

MaßnahmeJahresbudget (EUR)
Stellenförderung (10 Ärzt·innen Äquivalente)1.200.000
Infrastruktur (Zentren, Technik)800.000
Telemedizin300.000
Mobilität & Prävention200.000
Evaluation & Verwaltung150.000

Wie sichern wir Qualität und Leistbarkeit?

Wichtig ist, dass der Fonds nicht an rein leistungsorientierte Vergütung gekoppelt wird, die zur Über- oder Fehlversorgung führt. Stattdessen sollten Qualitätsindikatoren und soziale Kriterien gelten:

  • Messgrößen für Zugang (Termindauer, Erreichbarkeit), Versorgungsdichte und Patientenzufriedenheit.
  • Bevorzugung von Maßnahmen mit nachweislichem sozialem Mehrwert (z. B. niedrigschwellige Sprechstunden).
  • Deckelung administrativer Kosten und klare Berichtspflichten.

Digitalisierung und Datenschutz

Digitale Angebote sind zentral, dürfen aber nicht zu einer Zwei-Klassen-Versorgung führen. Ich plädiere für:

  • Investitionen in sichere, datenschutzkonforme Plattformen (z. B. KIM/TI-kompatible Lösungen).
  • Schulungen für Praxispersonal, damit Telemedizin sinnvoll eingesetzt wird.
  • Förderung von Open-Source-Lösungen, um Abhängigkeiten von teuren Anbietern zu vermeiden.

Widerstand und politische Durchsetzbarkeit

Ein solches Modell wird auf politischen und institutionellen Widerstand stoßen: Krankenkassen könnten Zentralisierungsbedenken haben, Ärzt·innenkammern könnten Tariffragen ansprechen, Kommunen fordern Klarheit über Zuständigkeiten. Deshalb braucht es eine klare Kommunikations- und Mobilisierungsstrategie:

  • Frühzeitige Einbindung aller Stakeholder und transparente Beteiligungsprozesse.
  • Regionale Erfolgsstories sichtbar machen (z. B. durch Pilotberichte, lokale Medien).
  • Rechtliche Klarheit schaffen — etwa durch Rahmenvereinbarungen zwischen Land und Kassen.

Messbarkeit: Welche Kennzahlen nutzen wir?

Zum Monitoring sollten folgende Kennzahlen erhoben werden:

  • Durchschnittliche Wartezeit auf Hausarzttermin
  • Anteil der Bevölkerung mit regelmäßiger Hausarztbindung
  • Patientenzufriedenheit (standardisierte Befragungen)
  • Hospitalisierungsraten für ambulant vermeidbare Fälle
  • Kosten pro Versorgungsfall und Gesamtbudgettreue

Warum dieses Modell sozial gerecht ist

Weil es gezielt in Regionen investiert, die strukturschwach sind, und weil es Partizipation von Betroffenen vorsieht. Es stärkt nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch soziale Infrastruktur — etwa Mobilität und Prävention. Solange wir Gesundheitsversorgung als Gemeingut begreifen und nicht nur als Ware, haben wir eine Chance, Versorgung gerechter zu verteilen.

Ich lade Euch ein: Diskutiert mit, bringt lokale Beispiele ein und macht Druck auf Entscheidungsträger·innen. Ein regionaler Gesundheitsfonds ist kein Allheilmittel, aber ein konkretes Instrument, um die ambulante Versorgung schnell und wirksam zu verbessern — solidarisch, demokratisch und zukunftsfähig.