In vielen Pflegeeinrichtungen sind lange Dienstzeiten und durchgetaktete Schichten Alltag – mit Folgen für die Gesundheit und Motivation der Beschäftigten. In einem regionalen Pflegenetzwerk, an dem ich in den letzten Jahren mitgearbeitet habe, haben wir bewusst einen anderen Weg eingeschlagen: kurze Dienstzeiten (Kurzschichten) ohne Personalabbau umzusetzen. Ich möchte hier beschreiben, wie das konkret funktioniert hat, welche Hürden wir überwinden mussten und welche praktischen Maßnahmen sich bewährt haben.
Warum kurze Dienstzeiten?
Ich habe oft mit Pfleger·innen gesprochen, die erschöpft von 10- oder 12-Stunden-Schichten waren. Kurze Dienstdauern – etwa 4 bis 6 Stunden – reduzieren körperliche und psychische Belastungen, verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und machen Pflegejobs attraktiver. Für uns war klar: Kurzschichten sollen keine versteckte Personalreduktion sein, sondern eine Umverteilung der Arbeit, die Gesundheit schützt und gleichzeitig Kontinuität für Bewohner·innen gewährleistet.
Das Prinzip unseres regionalen Pflegenetzwerks
Unser Netzwerk umfasst mehrere stationäre Einrichtungen, ambulante Pflegedienste und eine zentrale Koordinationsstelle. Die Grundidee: Arbeitszeitmodelle gemeinsam planen, Personalressourcen teilen und digitale Tools nutzen, um Dienstübergaben kurz und effektiv zu gestalten. Zentral war die Vereinbarung mit dem Träger, dass Kurzschichten nur eingeführt werden, wenn das Stundenvolumen der Belegschaft insgesamt erhalten bleibt.
Konkrete Maßnahmen zur Umsetzung
Die Umstellung erfolgte nicht über Nacht. Folgende Schritte haben sich als entscheidend erwiesen:
Wie kurze Übergaben organisiert werden
Eines der größten Sorgenkinder war: Geht nicht zu viel Informationsverlust bei kurzen Übergaben verloren? Hier haben wir mehrere Mechanismen eingeführt:
Finanzierung und Rechtliches
Viele fragen mich: Wer zahlt das? Kurzschichten selbst erhöhen nicht automatisch die Kosten, wenn die Stunden verteilt und Überstunden vermieden werden. Entscheidend ist:
Arbeitskultur und Beteiligung
Ein nicht zu unterschätzender Faktor war die Einbindung der Beschäftigten von Anfang an. Ich habe in unzähligen Gesprächen erlebt, dass Misstrauen gegenüber „neuen Modellen“ sinkt, wenn Mitarbeitende ihre Bedürfnisse einbringen können. Wir haben deshalb:
Kooperation mit Angehörigen und Bewohner·innen
Ein weiterer Punkt: Bewohner·innen und Angehörige müssen die Veränderungen mittragen. Transparente Kommunikation war hier zentral: Wir haben erklärt, warum Schichten kürzer werden, aber häufiger wechseln. Viele Angehörige reagierten positiv, weil die pflegerische Präsenz über den Tag verteilt konstant blieb. Zusätzlich haben wir Besuchs- und Betreuungszeiten so organisiert, dass die Kontinuität pflegerischer Bezugspersonen erhalten bleibt.
Technologie als Schlüssel
Ohne digitale Unterstützung wäre das Modell schwieriger umzusetzen gewesen. Wir nutzten:
Wichtig ist: Technologie ersetzt nicht die Pflegebeziehung, sie erleichtert Organisation und reduziert Zeitverlust.
Ergebnisse und Wirkungen
Was hat das Netzwerk erreicht? In den Einrichtungen, die das Modell langfristig verankert haben, beobachteten wir:
Herausforderungen und offene Fragen
Natürlich war nicht alles reibungslos. Schwierige Punkte waren:
Diese Herausforderungen lassen sich mit Beteiligung, transparentem Controlling und politischer Unterstützung angehen.
Wie andere Regionen anfangen können
Wenn Sie in Ihrer Kommune ähnliche Modelle prüfen wollen, empfehle ich folgende Schritte:
Die Einführung kurzer Dienstzeiten ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein wirksames Mittel, um Pflegearbeit nachhaltiger, gesünder und attraktiver zu gestalten – ohne Personalabbau. Solche Lösungen entstehen, wenn Träger, Beschäftigte und zivilgesellschaftliche Akteur·innen gemeinsam planen und konkret handeln. Erfahrungsaustausch innerhalb regionaler Netzwerke kann dabei vieles erleichtern.