Kleine Branchen wie Gastronomie und Catering sind das Rückgrat vieler Orte — sie schaffen Begegnungsräume, bieten Beschäftigung für Tausende und doch sind sie in puncto Arbeitsbedingungen oft besonders prekär. Aus meiner Praxis als Journalistin und Aktivistin weiß ich: Gewerkschaftliche Organisierung in solchen Betrieben ist möglich — aber sie braucht andere Werkzeuge als die klassische Flächenorganisation großer Industriebetriebe. Im Folgenden schildere ich, wie Gewerkschaften effizient, realistisch und solidarisch in der Gastronomie aktiv werden können.

Warum gerade die Gastronomie eine besondere Strategie braucht

Gastronomiebetriebe sind oft klein, personalstark in Schichten, mit hoher Fluktuation und vielen Beschäftigten in marginalen Arbeitsverhältnissen (Teilzeit, Minijobs, kurzfristige Verträge). Das bedeutet:

  • Traditionelle Mitgliederwerbung an einem festen Arbeitsplatz funktioniert selten.
  • Arbeitszeiten sind unregelmäßig — Treffen nach Feierabend sind schwieriger.
  • Angst vor Repression ist hoch: Kündigung, Stundenverlust oder Vermittlungsdruck.

Deshalb muss Organizing in diesen Branchen niedrigschwellig, flexibel und praktisch orientiert sein — und immer mit Schutzmechanismen für Beschäftigte verbunden.

Aufbau von Vertrauen vor Ort: Kochen statt predigen

Ich setze gern auf konkrete Hilfeleistungen als Einstieg: Oft öffnet ein schneller Rat zu Lohnabrechnungen, eine Unterstützung beim Beantragen von Kurzarbeitergeld oder ein gemeinsam verfassener Brief an den Arbeitgeber Türen, die reine Theorie schließen würde. Praktische Solidarität baut Vertrauen. Beispiele aus meiner Praxis:

  • Informations-Stände vor Betriebsbeginn an Wochenenden, mit Snacks und kurzen Sprechzeiten.
  • „Drop-in“-Sprechstunden in Kooperation mit Stadtteilzentren oder migrantischen Selbstorganisationen.
  • Mobile Beratung per WhatsApp/Signal — viele Beschäftigte trauen sich eher, digital den ersten Kontakt zu suchen.

Flexible Organisationsformen: Mikro- und Netzwerkstrukturen

Statt zu versuchen, jeden Betrieb solo zu organisieren, lohnt es sich, Netzwerke aufzubauen:

  • Betriebsübergreifende Gruppen: Mitarbeitende aus mehreren Restaurants einer Nachbarschaft treffen sich regelmäßig — Seminarformat, Erfahrungsaustausch, gemeinsame Forderungen (z. B. gleiche Ruhezeiten, Mindeststunden).
  • Schichtvertretungen: Organizing auf Schichtebene, damit die Vertretung zu Dienstzeiten erreichbar ist.
  • Peer-Organizers: Beschäftigte werden geschult, kleine Aktionen selbst zu koordinieren — Flyer verteilen, Unterschriften sammeln, Kolleg·innen ansprechen.

Konkrete Kampagnenformen, die wirken

Gewerkschaften müssen sichtbar und relevant werden. Das geht über klassische Tarifverträge hinaus:

  • Kampagnen für transparente Lohnabrechnungen: Viele Beschäftigte erhalten falsche oder unverständliche Abrechnungen. Ein Musterbrief und ein Beratungsangebot helfen, Vertrauen zu gewinnen.
  • Aktionen gegen unbezahlte Arbeit und „freie Kost“ als Lohn: Öffentlichkeitsarbeit kombiniert mit lokalpolitischem Druck — z. B. Verantwortliche Gastronomen ansprechen, Stadträt·innen ins Boot holen.
  • „Fair-Pay“-Gütesiegel für Betriebe, die Mindeststandards einhalten — gute Betriebe verdienen Anerkennung.

Digitale Tools und Kommunikation

Digitale Arbeit ist in der Gastronomie unverzichtbar. Hier ein Set an Tools, die sich bewährt haben:

  • Messenger-Gruppen (Signal/WhatsApp) für rasche Schichtkoordination und Schutz bei Repressionen (Signal bei besonders sensiblen Infos).
  • Online-Petitionen (Change.org), um Aufmerksamkeit zu erzeugen und lokale Medien zu mobilisieren.
  • Einfach zu bedienende Umfragen (Google Forms, Typeform) für Lohn- und Arbeitszeit-Erhebungen.
  • Social-Media-Kampagnen mit kurzen Videos: Kolleg·innen erzählen ihre Erfahrungen — Authentizität erzeugt Öffentlichkeit.

Rechtliche Absicherung und Schutzmechanismen

Angst vor Sanktionen ist für viele der Hauptgrund, nicht aktiv zu werden. Gewerkschaften müssen deshalb rechtliche Hilfe und Schutzstrategien anbieten:

  • Rechtsberatung zu Kündigungsschutz, Lohnansprüchen und Vertragsprüfungen — idealerweise kostenfrei oder vergünstigt.
  • Anonyme Meldewege für Missstände (Hotline, verschlüsseltes Formular).
  • Solidaritätsfonds, um Arbeitnehmer·innen in Falle von Repression finanziell zu stützen.

Tarifpolitik neu denken: Branchentarife für kleine Betriebe

Tarifverträge müssen auf die Realität kleiner Gastronomiebetriebe zugeschnitten werden. Das heißt:

  • Flexible Mindestlohnberechnungen, die Zuschläge für Schichtarbeit, Sonntagsarbeit und Kurzfristigkeit berücksichtigen.
  • Optionen für Stufenmodelle, damit kleine, neue Betriebe Übergangsfristen haben, ohne Mitarbeiter·innen auszunutzen.
  • Ergänzende Betriebsvereinbarungen, die etwa Schichtplanung, Arbeitszeitschutz und Erholungszeiten regeln.

Fallbeispiel: Lokale Kampagne mit Wirkung

In einer Stadt organisierte ver.di gemeinsam mit einer Gruppe migrantischer Servicekräfte eine Kampagne gegen unbezahlte Überstunden in mehreren Cafés. Maßnahmen:

SchrittMaßnahmeErgebnis
1Mobile Info-Sprechstunden vor CafésErstes Vertrauen aufgebaut, 40 Kontakte
2Rechtsberatung und MusterklagenMehrere Nachzahlungen erreicht
3Öffentliche Kampagne + StadtratLokaler Preisverleihungsboykott erzeugt Druck
4Schichtvertretungen gegründetStabile Kommunikation und weniger Fluktuation

Das Ergebnis: Zwei Betriebe verbesserten ihre Abrechnungspraktiken, in einem Fall wurden Löhne nachgezahlt. Noch wichtiger: Beschäftigte fühlten sich sichtbar und handlungsfähig.

Bildung als Kern: Schulungen und Empowerment

Organizing ist dauerhaft erfolgreich, wenn Beschäftigte Fähigkeiten erwerben:

  • Workshops zu Arbeitsrecht, Lohnabrechnung und Betriebsratsarbeit.
  • Kommunikations- und Kampagnentrainings (wie Medienarbeit, Social-Media-Skills).
  • Train-the-Trainer-Programme, damit Know-how in der Branche bleibt.

Allianzen schmieden: Politik, Zivilgesellschaft und Kund·innen

Gewerkschaften allein erreichen nicht alles. Erfolgreiche Kampagnen verbinden:

  • Lokale Politik: Regelungen zur Zeiterfassung, Mindeststandards in städtischen Ausschreibungen für Catering oder Kantinen.
  • Bürger·innen und Konsument·innen: Information über faire Betriebe fördert Nachfrage.
  • Andere soziale Bewegungen: Mieter·inneninitiativen, Migrant·innenorganisationen, Frauenverbände.

Gewerkschaftliche Organisierung in kleinen Branchen wie der Gastronomie braucht Geduld, Kreativität und Augenmaß. Es geht darum, mit kleinen Erfolgen Vertrauen aufzubauen und daraus nachhaltige Strukturen zu entwickeln. Wenn wir Beschäftigte dort abholen, wo sie sind — in ihren Schichten, in ihren Sprachen und mit ihren Alltagsproblemen —, schaffen wir die Basis für echte Verbesserungen und faire Arbeitsbedingungen.