In vielen Städten blockiert die Pflicht zur Bankbürgschaft oder Kautionsversicherung den Zugang zu Wohnungen – besonders für Menschen mit niedrigerem Einkommen, Studierende, Geflüchtete oder Beschäftigte in prekären Jobs. Ich habe in meiner Arbeit als Redakteurin und Aktivistin häufig erlebt, wie dieses Hindernis Wohnraumsuche in Hoffnungslosigkeit verwandelt. Deshalb erzähle ich hier, wie eine nachbarschaftliche, solidarische Kautionskasse die Wohnungssuche ohne Bankbürgschaft ermöglicht und wie ihr so ein Modell selbst aufbauen könnt.

Was ist ein solidarischer Kautionsfonds?

Ein solidarischer Kautionsfonds ist ein gemeinschaftlich getragenes System, das die Mietkaution für Menschen übernimmt, die keine Bankbürgschaft leisten können. Anstelle einer Bankbürgschaft oder teurer Kautionsversicherung stellt der Fonds eine Bürgschaft oder ein zinsloses Darlehen an die Mieterin oder den Mieter oder leistet die Kaution direkt an die Vermieterin bzw. den Vermieter. Ziel ist, Hindernisse beim Einzug abzubauen und gleichzeitig ein verantwortungsvolles, risikoarmes Modell zu schaffen.

Warum funktioniert das in Nachbarschaften?

Weil in Nachbarschaften Vertrauen, Solidarität und informelle Netzwerke vorhanden sind. Ein lokaler Fonds ist überschaubar: Bekanntes Umfeld, klare Kommunikationswege und direkte Kontrolle über die Verwendung der Mittel reduzieren Missbrauchsrisiken. Außerdem lassen sich Engagierte aus Initiativen, Gewerkschaften, Mietervereinen oder Kirchengemeinden gewinnen – und das senkt die Verwaltungskosten im Vergleich zu kommerziellen Angeboten.

Wie sieht ein konkretes Modell aus?

Ich empfehle ein Modell mit drei Säulen:

  • Startkapital: Gesammelt durch Spenden, Mitgliedsbeiträge oder Zuschüsse von lokalen Trägern.
  • Rückzahlungsmechanismus: Die aufgenommenen Kautionsbeträge werden als zinslose Kleinkredite an die Mietenden ausgegeben, mit flexiblen Rückzahlungsplänen (z. B. über 6–24 Monate).
  • Risikopuffer: Eine Rücklage, die aus Spenden, einem kleinen Solidarbeitrag der Nutzenden oder einer Versicherung gespeist wird, um Schäden oder ausbleibende Rückzahlungen abzudecken.

Beispiel: Eine Nachbarschaftskasse sammelt 20.000 Euro. Durchschnittliche Kautionen in der Stadt liegen bei 1.200 Euro. Damit können sofort rund 15–16 Haushalte unterstützt werden, während Rückzahlungen den Fonds nach und nach auffüllen.

Schritte zur Gründung eures Fonds

  • Bedarf ermitteln: Sprecht mit Mieterinitiativen, Sozialarbeiter·innen, Studierendenwerken und in Stadtteilforen. Wie viele Haushalte brauchen Unterstützung? Welche Kautionshöhen sind typisch?
  • Rechtliche Form wählen: Viele Initiativen gründen einen eingetragenen Verein (e. V.) oder kooperieren mit einer bestehenden gemeinnützigen Organisation, um Spendenquittungen auszustellen und Haftungsfragen zu klären.
  • Finanzierungsplan: Legt Startkapital, Rückzahlungsmodalitäten und den Risikopuffer fest. Sucht lokale Fördermittel – manche Städte/Kommunen unterstützen Pilotprojekte.
  • Vergabekriterien: Entwickelt transparente Regeln: wer unterstützt wird, maximale Kautionshöhe, Einkommensgrenzen, Pflichten der Nutzenden.
  • Verträge und Haftung: Arbeitet mit einer Rechtsberatung Vorlagen für Darlehensverträge oder Bürgschaftserklärungen aus. Klare Regelungen schützen sowohl Vermieter·innen als auch die Initiative.
  • Öffentlichkeitsarbeit: Macht euer Angebot bekannt – über lokale Zeitungen, Facebook-Gruppen, Aushänge in Quartierszentren und Kooperationen mit Beratungsstellen.

Wie überzeugt man Vermieterinnen und Vermieter?

Viele Vermieterinnen und Vermieter sind skeptisch gegenüber alternativen Kautionslösungen. Hier helfen:

  • Transparente Verträge, die gleiche rechtliche Sicherheit bieten wie eine Bankbürgschaft.
  • Referenzen und Erfahrungsberichte anderer Vermieterinnen und Vermieter, die bereits positive Erfahrungen gemacht haben.
  • Kooperationen mit etablierten Organisationen (z. B. Mieterverein), die Vertrauen schaffen.
  • Option, Kautionen direkt an den Vermieter zu zahlen oder eine offizielle Bürgschaftserklärung auszustellen.

Ich habe erlebt, dass viele Vermieterinnen und Vermieter nach einem persönlichen Gespräch und einer schriftlichen Absicherung bereit sind, auf eine Bankbürgschaft zu verzichten – besonders wenn die Wohnungsbesichtigung und der Bewerbungsprozess zuverlässig verliefen.

Risiken und wie ihr sie minimiert

Risiken gibt es: Schäden in der Wohnung, ausbleibende Rückzahlungen, oder eine plötzliche Welle von Anfragen, die den Fonds überfordert. Gegenmaßnahmen:

  • Bonitätsprüfung mit Augenmaß: Keine kommerzielle Auskunftei als Hürde, aber einfache Prüfungen (z. B. Einkommensnachweise, Referenzen).
  • Verpflichtende Mieterschulungen: Kurze Informationsgespräche zu Mietrecht, Pflichten und Umgang mit Wohnraum verhindern häufige Probleme.
  • Klare Rückzahlungsvereinbarungen: Flexible, aber verbindliche Ratenpläne mit Raten, die sich am Einkommen orientieren.
  • Risikopuffer und Solidaritätsbeiträge: Ein kleiner Solidaritätsanteil bei der Auszahlung (z. B. 1–3 % der Kautionssumme) füllt die Rücklage.

Finanzierung und Skalierung

Um dauerhaft zu sein, braucht ein Fonds diverse Finanzierungsquellen:

  • Private Spenden und Crowdfunding-Kampagnen (z. B. über Startnext oder betterplace).
  • Mitgliedsbeiträge und Solidaritätsabonnements.
  • Fördermittel von Stiftungen oder kommunalen Programmen (Wohnungspolitik, Armutsbekämpfung).
  • Kooperationen mit Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden oder Kirchen.

Wenn mehrere Nachbarschaften ähnliche Fonds gründen, kann ein Dachverband Sinn machen: gemeinsame IT-Plattform für Anträge, standardisierte Verträge und ein größerer Risikopool. Eine solche Vernetzung erhöht die Schlagkraft und reduziert Verwaltungskosten.

Praxisbeispiel aus meiner Arbeit

In einer unserer lokalen Aktionen haben wir zusammen mit einer Mieterinitiative einen Pilotfonds gestartet. Wir sammelten 12.000 Euro Startkapital durch Spenden und einen Zuschuss der Stadtteilsozialarbeit. Innerhalb eines Jahres konnten 9 Haushalte unterstützt werden: Studierende, Alleinerziehende und zwei Beschäftigte im Niedriglohnsektor. Rückzahlungen flossen pünktlich zurück, nur in einem Fall mussten wir aus dem Risikopuffer kleine Reparaturkosten übernehmen. Die Resonanz war so positiv, dass die Stadtverwaltung Interesse an einer städtischen Förderung für eine Ausweitung signalisiert hat.

Wie du jetzt aktiv werden kannst

Wenn du in deiner Nachbarschaft etwas Ähnliches starten willst, beginne mit einem Infoabend: Lade lokale Initiativen, Sozialarbeiter·innen, Mieter·innen und Interessierte ein. Nutzt unser Netzwerk auf Dielinke In Den Landtag (https://www.dielinke-in-den-landtag.de) als Plattform, um Erfahrungen zu teilen und Vorlagen auszutauschen. Ich unterstütze gern mit Materialien, Checklisten und Kontakten – schreib mir, stellt eure Fragen und berichtet von euren ersten Schritten.

Ein solidarischer Kautionsfonds ist kein Allheilmittel, aber ein kraftvolles Instrument, um Einzugshürden abzubauen und gleichzeitig Gemeinschaft zu stärken. Wenn wir es schaffen, solche Modelle lokal zu verankern, schaffen wir bezahlbaren Wohnraum für mehr Menschen – und zeigen, dass alternative, gemeinwohlorientierte Lösungen praktisch funktionieren.