In meiner Nachbarschaft haben wir vor kurzem eine solidarische Kautionskasse gegründet — nicht als abstraktes Projekt, sondern als unmittelbare Antwort auf Menschen, die wegen der hohen Mietkautionen von Umzügen ausgeschlossen sind. Ich will hier Schritt für Schritt erklären, wie wir das gemacht haben und worin Kommunalpolitik sofort unterstützen kann. Wenn du das in deiner Straße, deinem Haus oder Stadtteil starten willst: das geht. Und je mehr solche Kassen es gibt, desto weniger Macht haben Vermieter·innen, Menschen durch Kautionsforderungen auszuschließen.

Warum eine solidarische Kautionskasse?

Viele wissen: die gesetzliche Mietkaution (bis zu drei Monatskaltmieten) ist für Haushalte mit knappen Mitteln oft ein unüberwindbares Hindernis. Ich habe selbst erlebt, wie Freund·innen Umzüge absagen mussten, weil die Kaution nicht zu stemmen war. Eine solidarische Kautionskasse hilft konkret: sie zahlt (anteilig oder vollständig) die Kaution für Menschen mit Bedarf und holt sich das Geld später in kleinteiligen, verträglichen Raten zurück. Anders als private Bürgschaften ist sie gemeinwohlorientiert und von Nachbar·innen getragen.

Sechs Schritte zur eigenen Nachbarschaftskasse

Hier die sechs Schritte, die wir gegangen sind — mit konkreten Tipps, Vorlagen und Stolperfallen, auf die ihr achten solltet.

  • 1. Zusammensetzen und Bedarfe klären
  • Trefft euch in einer Nachbarschaftsversammlung oder in einem kleinen Initiativkreis (5–12 Personen). In unserem Fall luden wir über Aushänge im Hausflur, lokale Facebook-Gruppen und den Quartiersladen. Ziel: herausfinden, wie groß der Bedarf ist, welche Solidarbeiträge möglich sind und wer langfristig mitarbeiten will. Macht eine einfache Bedarfsabfrage: wie viele Haushalte könnten bei Bedarf eine Kaution brauchen, wer würde regelmäßig spenden oder eine einmalige Startsumme geben?

  • 2. Rechtsform und Regeln festlegen
  • Wir entschieden uns für eine informelle Genossenschaftsstruktur ohne großen bürokratischen Aufwand: ein eingetragener Verein (e.V.) oder eine gGmbH sind Optionen, aber viele Nachbarschaften starten erst als Verein, weil das Verhältnis von Aufwand zu Nutzen stimmt. Wichtige Regeln, die ihr schriftlich festlegt:

  • Wer hat Anspruch und nach welchen Kriterien (Einkommensgrenzen, Wohnberechtigungsschein, Dringlichkeit)?
  • Wie hoch ist die maximale Übernahme (volle Kaution oder Teilkaution)?
  • Wie werden Rückzahlungen vereinbart (monatliche Raten, Zinssatz = 0 oder symbolisch)?
  • Wie werden Streitfälle entschieden (Schlichtungsausschuss)?
  • Wir schrieben eine einfache Satzung und einen Einsatzvertrag für die Auszahlung der Kaution. Vorlage dafür kann man bei Mietervereinen oder lokalen Kautionsfonds anfragen und anpassen.

  • 3. Finanzierung sichern
  • Die Kasse braucht Startkapital. Möglichkeiten:

  • Solidarbeiträge von Nachbar·innen (z. B. einmalig 10–50 Euro pro Haushalt)
  • Spendenaktionen, Crowdfunding über Plattformen wie Betterplace oder Startnext
  • Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Kirchen oder Wohlfahrtsverbänden
  • Städtische Startförderungen (siehe unten: was Kommunalpolitik tun kann)
  • Wir kombinierten lokale Spenden mit einer kleinen Anschubfinanzierung aus unserem Bezirksfonds. Wichtig: legt eine Grenze für Einzelspenden fest, um Abhängigkeiten zu vermeiden, und führt Buch über alle Mittel.

  • 4. Verwaltung und Transparenz organisieren
  • Die Verwaltung muss schlank, sicher und transparent sein. Wir richteten ein separates Konto ein und nutzten einfache Buchhaltungs-Tools (Excel / Open Source wie GnuCash). Wer die Auszahlung autorisiert, legten wir in der Satzung fest (zwei Unterschriftenprinzip).

    Transparenz ist zentral für Vertrauen: veröffentliche halbjährliche Berichte, anonymisierte Nutzer·innenzahlen und Erfolgsstories im Blog oder auf dem schwarzen Brett im Hausflur. Wir nutzten auch eine einfache Checkliste für Anträge (Name, Einkommensnachweis, Mietvertrag, Erklärung über Zahlungsschwierigkeiten).

  • 5. Kooperationen aufbauen
  • Eine Kautionskasse funktioniert besser mit Partner·innen. Wir suchten kontakt zu:

  • Mieterverein oder Mieterschutzbund – rechtliche Beratung, Vorlagentexte
  • Sozialämtern – für Informationsweitergabe, ohne Abhängigkeit
  • Stadtteilzentrum oder Quartiersmanagement – Räumlichkeiten, Öffentlichkeitsarbeit
  • Lokalen Banken – für günstige Kontoführung oder Treuhandlösungen
  • Freiwillige Rechts- und Steuerberater·innen halfen uns bei der Prüfung der Verträge. Wenn möglich, empfiehlt sich ein einfacher Kooperationsvertrag mit klaren Zuständigkeiten.

  • 6. Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung
  • Die Kaution ist ein Tabuthema. Wir erzählten Geschichten (anonymisiert), verteilten Flyer, veranstalteten Infoabende und nutzten Social Media. Ein simples Erklärvideo (2–3 Minuten) über Ablauf und Anspruchsbedingungen verringert Berührungsängste.

    Außerdem: Erfolg sichtbar machen. Jede gerettete Wohnung ist ein Argument für Nachahmerprojekte und eine Verhandlungsposition gegenüber Vermieter·innen, die sehen, dass sichere Kautionslösungen möglich sind.

    Praktische Dokumente, die wir genutzt haben

    Ich stelle euch kurz die Dokumente vor, die in der Praxis helfen (ihr könnt die Texte kopieren und anpassen):

    DokumentInhalt
    AntragsformularPersönliche Daten, Mietvertrag, Konto, Begründung, Einkommensnachweis
    EinsatzvertragHöhe der Übernahme, Rückzahlungsmodalitäten, Haftungsausschluss, Unterschriften
    Satzung / GeschäftsordnungZweck, Organe, Entscheidungswege, Finanzen, Transparenzregeln
    Schlichtungs-FAQAblauf bei Streit, Ansprechpartner·innen, Fristen

    Womit Kommunalpolitik sofort unterstützen kann

    Ich habe mit Lokalpolitiker·innen gesprochen — es gibt einfache Hebel, die Städte und Gemeinden sofort ziehen können, um solche Kassen zu stärken:

  • Seed-Finanzierung bereitstellen
  • Ein einmaliger Zuschuss (z. B. 5.000–20.000 € je nach Stadtteil) hilft beim Start. Diese Mittel können als zinsloses Darlehen ausgezahlt werden, das die Kasse zurückzahlt, sobald sie selbsttragend ist.

  • Rechtliche Beratung anbieten
  • Kommunen können kostenlose Rechtsberatungen, Musterstatuten und Vorlagen über lokale Behörden oder Beratungseinrichtungen bereitstellen — das reduziert Starthürden erheblich.

  • Treuhandlösungen und Konten
  • Städtische Finanzämter oder städtische Wohnungsunternehmen können Treuhandkonten oder günstige Kontoführung für Kautionsfonds anbieten.

  • Informationskampagnen und Vernetzung
  • Die Stadt kann als Multiplikator fungieren: Infoveranstaltungen, Plattformen für Vernetzung von Nachbarschaften und Veröffentlichung von Best-Practice-Beispielen.

  • Kommunale Bürgschaften
  • In bestimmten Fällen können Kommunen Bürgschaften übernehmen, um private Kassen zu entlasten — das schafft Vertrauen gegenüber Vermieter·innen und senkt die benötigte Summe.

  • Integration in soziale Leistungen
  • Sozialämter können bei Bedarf einfach auf lokale Kautionskassen verweisen, statt immer in Einzelfällen Notkredite zu gewähren. Eine Liste zertifizierter Kautionsfonds schafft Übersicht.

    Tipps aus der Praxis

    Was wir gelernt haben und dir mitgeben: Setzt auf Niedrigschwelligkeit (einfache Formulare), bewahrt Transparenz, aber schützt die Privatsphäre der Antragsteller·innen. Plant von Anfang an für Langfristigkeit: eine Kasse funktioniert nur, wenn Rückzahlungen und neue Beitragszahler·innen den Kreislauf stützen. Und sprecht mit Vermieter·innen: viele sind bereit, Kooperationen einzugehen, wenn Sicherheit und rechtliche Klarheit bestehen.

    Wenn du Material (Vorlagen, Antragsformulare, Redevorlagen für Infoveranstaltungen) brauchst, schreibe mir — ich teile gern die Dokumente, die uns geholfen haben. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Mobilität und Wohnraum nicht länger vom Zufall der Kautionshöhe abhängen.